Dienstag, 4. Juli 2017

Pannen passieren

Es ist Wahljahr und in den letzten Monaten vor der Wahl macht die Bundeskanzler-Sphinx etwas Bewährtes und höchst Effektives, um den Anteil der CDU-Stimmen hochzujazzen.
Sie lässt es menscheln, indem sie strikt vermeidet politisch konkret zu werden.
Niemals würde sie sich den harten sachlichen Fragen eines Politmagazins wie Panorama, Frontal oder Monitor stellen.
Es gibt auch keine Interviews mehr in den seriösen großen Zeitungen zur politischen Lage.
Dafür aber lockeres Geplauder beim BRIGITTE-Talk und auch die Juli-Ausgabe des G&J-Bildermagazins „VIEW“ titelt mit Merkel.
Liz Mohn, Besitzerin all dieser Zeitschriften würde ihre enge Freundin Angela nie zu unangenehmen Fragen in ihren politischen Blättern nötigen.
Brigitte und View hingegen kommen wohlwollend daher. Kaum Text, viele Bilder und Informationen über Merkels Urlaubsorte, ihre Vorliebe in ihrer Datscha Kartoffeleintöpfe zu kochen und Hintergründiges über plauderhafte Ex-Schneiderin Anna von Griesheim, die sie durch die verschwiegenere Bettina Schoenbach ersetzte.
Ich erfuhr auch den Namen von Merkels Visagistin (Petra Keller), Merkels Schuhgröße (38) und ihre Kleidergröße (42) – also alles Relevante, das der deutsche Michel wissen muß, um seine Wahl zu treffen.

Es wird kräftig gemerkelt in den deutschen Medien; da braucht es wirklich nicht so etwas Überflüssiges wie ein CDU-Wahlprogramm.


Statt Politik betreibt Merkel Bilder und Gefühle. Bilder gibt es am Wochenende wieder in Massen, wenn die Kanzlerin in Hamburg mit den Wichtigen der Welt vor die Kameras tritt und Martin Schulz aber sowas von abgemeldet ist.

In dieser komfortablen Situation kann sich die CDU nur noch selbst ein Bein stellen.

Der Fairness halber versuchte dies Merkels Parteigeneral, der so doof war auf die inhaltliche Frage nach einem inhaltlosen Programm, zu antworten.
Wieso die CDU wieder überproportional die Besserverdienenden entlaste und nichts für die Minijobber und Armen täte?

 […..] CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat mit einer Äußerung zu Minijobbern auf Twitter empörte Reaktionen ausgelöst. Hintergrund ist das gemeinsame Wahlprogramm von CDU und CSU, das unter anderem "Vollbeschäftigung" bis 2025 verspricht. Auf Twitter warb Tauber mit einem Artikel unter der Überschrift "'Vollbeschäftigung' ist viel besser als 'Gerechtigkeit'" für das Programm. "Heißt das jetzt drei Minijobs für mich?", fragte ein Nutzer daraufhin am Montagabend. Tauber antwortete umgehend:
 "Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs." […..]

Schon lustig. Denn Tauber bemerkt nicht nur nicht wie er gerade Wähler beleidigt, sondern er hat auch noch faktisch Unrecht.

[….] CDU-Generalsekretär Tauber behauptet: Niemand muss einen Minijob annehmen, der eine gute Ausbildung hat. Eine Studie zeigt, wie weit das von der Realität entfernt ist.
 […..] Schon 2015 hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Statistiken der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet, um herauszufinden, welche Qualifikation Minijobber haben. Demnach hatten Ende 2014 mehr als fünf Millionen Deutsche keine Vollzeitstelle, aber mindestens einen Minijob. Da Schüler, Studenten und Rentner nicht Vollzeit arbeiten können, betrachtet der DGB nur die 3,1 Millionen Minijobber, die zwischen 25 und 64 Jahre alt sind.
Bei einem Drittel der Minijobber ist der Bundesagentur für Arbeit nicht bekannt, wie sie qualifiziert sind. Geht man davon aus, dass sie genauso qualifiziert sind wie die anderen Minijobber, ergibt sich ein deutliches Bild: Nur jeder fünfte hat keine Ausbildung. 71 Prozent haben dagegen einen Beruf gelernt, weitere 9 Prozent haben sogar einen Hochschulabschluss.
In absoluten Zahlen bedeutet das, dass knapp 2,5 Millionen Deutsche zwischen 25 und 64 Jahren trotz abgeschlossener Ausbildung oder Studium nur einen Minijob haben – ein deutlicher Widerspruch zu Peter Taubers Tweet. [….]

Schlimmer als Taubers Wählerbeleidigung ist aber, daß er seine Chefin nicht begreift, die gerade alle dafür getan hatte solche konkrete Politik zu vermeiden.
Nun ist genau das Thema, worüber nicht geredet werden sollte.
Tja, schade, wenn man doof ist.

[…..] Mit seinem arroganten Minijobber-Spruch hat CDU-General Tauber mal eben die schöne Programminszenierung seiner Parteichefin zerstört.
 […..] Da geben Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Vorstellung des gemeinsamen CDU/CSU-Wahlprogramms die mitfühlenden Konservativen, die Steuern senken, Familien entlasten und alle in Lohn und Brot bringen wollen. Deutschland geht es prächtig, und bald geht es uns noch prächtiger, lautet ihr Versprechen.
Doch nur Stunden später zerstört der Wahlkampfleiter die schöne Inszenierung und zeigt Millionen Wählern den Stinkefinger: Wer sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs durchschlägt, ist selbst schuld. Von der Union, so klingt die Botschaft, darf so jemand für seine Situation kein Verständnis erwarten, geschweige denn Hilfe. Stattdessen gibt's eine Belehrung. […..] Spätestens nach der Wahl dürfte Merkel in der Parteizentrale keine Verwendung mehr für Tauber haben. […..]