Dienstag, 24. Dezember 2013

Geschlechterrollen



Es gibt einige Formen des Modus Vivendi, die mir sinniger als andere erscheinen.

In Gambia beispielsweise bedauere ich die christliche Landbevölkerung. Dort sind die Männer die Grundbesitzer (wie fast überall auf der Welt), aber die Feldarbeit ist reine Frauenarbeit.
Das Weib muß also morgens los ziehen, um den Familienacker umzugraben und möglichst viel schaffen, wie sie mittags zurück sein muß, um den Herrn der Schöpfung zu bekochen.
Mit Kindern wird es noch unpraktischer, weil sie die kleinen Bälger dann immer mit aufs Feld schleppen muß.
Sein Job ist es unterdessen vor seine  Hütte zu sitzen und zu relaxen.
Die Christinnen sind eindeutig die Verliererinnen dieses Arrangements, weil sie allein viel mehr Arbeit wuppen müsse, als eigentlich zu schaffen ist.
Der Vorteil ist, daß sie durch die enorme körperliche Anstrengung früh so ausgebrannt sind, daß sie tot umfallen. Man muß also keine Greisinnen durchfüttern und Papa kann sich dann eine jüngere Frau nehmen.

Die Moslems in Gambia praktizieren genau die gleiche Rollenverteilung – aber mit dem entscheidenden Unterschied, daß sie Polygynie betreiben; der Mann also in der Regel vier Ehefrauen hat.
So lassen sich die Aufgaben bestens verteilen; eine bleibt mit den Blagen zu Hause und kocht, eine sorgt für sein sexuelles Wohl und zwei erledigen die Feldarbeit.
Nur zu verständlich, daß die muslimischen Frauen ihre christlichen Nachbarinnen zutiefst beneiden, weil diese die ganze Arbeit allein schaffen müssen. Zu allem Übel auch noch während der meisten Zeit schwanger sind.

Ich weiß nicht sicher, ob in Gambia auch Polyandrie erlaubt ist; vermutlich nicht.
Eine Frau mit vier Ehemännern wäre bei der dortigen Aufgabenverteilung definitiv überfordert. Vier Häuser mit vier Mackern darin und vier Felder zu bewirtschaften, kann noch nicht einmal Wonderwoman schaffen.

Polyandrie hat unter anderen Bedingungen ihre Stärken. Fraternale Polyandrie gibt es beispielsweise in Tibet, wo unter chinesischem Einfluß die Einkindehe propagiert wird, oder in Nordindien, wo die indische Regierung größte Anstrengungen zur Geburtenkontrolle unternimmt. Wenn zudem Land und Arbeitsplätze knapp sind, ist es von großem Vorteil, wenn eine Frau, die mit ihrem Gör zu Hause sitzt, mehrere Ernährer hat. In der überwiegenden Zahl sind es zwei oder drei Brüder, von denen mindestens einer weiter weg einen Job übernehmen kann und alle gemeinsam zum Familieneinkommen beitragen.
Unter fraternalen Bedingungen wird auch die Frage nach der Weitergabe der eigenen Gene entschärft. Bei unklarer Vaterschaft, hat der Ehemann die Gewissheit zumindest der biologische Onkel zu sein und so indirekt seine Gene weiterzuvererben.

In letzter Zeit hörte ich wieder öfter vom Volk der Mosuo.
Zuletzt sah das RBB-TV-Team von der Roadmovie-Doku „Fernost“ (Sehr empfehlenswert!) bei den Mosuo im Südwesten der Volksrepublik China vorbei.

Die Provinz Yunnan liegt etwa 2.500 Meter über dem Meeresspiegel. Am höchstgelegenen See der Provinz lebt seit mehr als einem Jahrtausend das Volk der Mosuo - und genauso lange herrscht dort das Matriarchat. Nur die Mütter als Clanchefinnen bestimmen die Regeln des Alltagslebens.

Die 40.000-50.000 Mósuō sind ein chinesisches Volk mit tibetobirmanischer Sprache leben hauptsächlich am  Ufer des Lugu-Sees und gelten als relativ wohlhabend.
Das liegt möglicherweise an ihrer effektiven Form des Zusammenlebens.
Männer besitzen dort keinerlei Autorität und fügen sich der Autorität ihrer Mütter, die ihnen jeden Morgen die zu erledigenden Aufgaben zuweisen.

In der Regel bleiben Söhne, Neffen und Enkel im Haus der Clanchefin wohnen – dürfen aber über Nacht zu ihren diversen Liebhaberinnen gehen. Morgens haben sie aber wieder da zu sein und sich ihren Tagesbefehl abzuholen.
Gewalt ist unter den Mosuo unbekannt. Die Matriarchinnen üben ihre Autorität erheblich geschickter aus. Der Arzt und Journalist Ricardo Coler berichtet in einem Interview von seinen Erfahrungen bei den Mosuo.

Coler: Ich wollte wissen, was in einer Gesellschaft passiert, in der die Frauen bestimmen, wo es lang geht. Wie ticken Frauen, wenn sie bereits von Geburt an durch ihre gesellschaftliche Stellung alles bestimmen? […]  Ich hatte erwartet, auf ein umgekehrtes Patriarchat zu treffen. Aber damit hat das Leben der Mosuo absolut nichts zu tun. Frauen dominieren in einer anderen Art und Weise. Wenn Frauen herrschen, ist es Teil ihrer Arbeit. Ihnen gefällt es, wenn einfach alles läuft und es der Familie gut geht. Die Idee, Vermögen anzuhäufen oder viel Geld zu verdienen, kommt ihnen einfach nicht in den Sinn. Kapitalakkumulation scheint eine männliche Triebfeder zu haben. […]  

SPIEGEL ONLINE: Wie lebt es sich für einen Mann im Matriarchat?

Coler: Männer leben besser, wo die Frauen das Sagen haben: Du bist für fast nichts verantwortlich, du arbeitest viel weniger und du bist den ganzen Tag mit deinen Freunden zusammen. Jede Nacht bist du mit einer anderen Frau zusammen. Und obendrein kannst du für immer bei deiner Mutter leben. Die Frau bedient den Mann, und das in einer Gesellschaft, in der sie bestimmt und über das Geld verfügt. […]  

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie am meisten erstaunt?

Coler: Dass in der matriarchalen Gesellschaft keine Gewalt existiert. Ich weiß, das gleitet schnell in eine Idealisierung ab - jede menschliche Gesellschaft hat ihre Probleme. Aber den Mosuo-Frauen leuchtet einfach nicht ein, warum Konflikte mit Gewalt gelöst werden sollen. Da sie bestimmen, streitet niemand. Schuld- oder Rachegefühle kennen sie nicht, es ist einfach eine Schande, sich zu streiten. Sie schämen sich dafür, und es droht ihnen dann sogar der Verlust ihres sozialen Ansehens.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es für ein Problem keine Lösung gibt?

Coler: Dann wird jedenfalls nicht gestritten. Die Frauen bestimmen, wo es lang geht. Manche tun es etwas bestimmter, manche etwas freundlicher. Es sind starke Frauen, die klare Anweisungen erteilen. Von einem Mann wird erwartet, dass er es eingesteht, wenn er mit einer Sache nicht fertig geworden ist. Er wird nicht ausgeschimpft oder bestraft, sondern behandelt wie ein kleiner Junge, der seiner Aufgabe nicht gewachsen war.

[…]  SPIEGEL ONLINE: Was macht einen Mann für eine Mosuo-Frau attraktiv?

Coler: Wenn sie mit einem Mann reden können, Sex haben und ausgehen, dann sind sie verliebt. Für sie ist die Liebe wichtiger als die Partnerschaft. Sie wollen verliebt sein. Der einzige Grund, mit einer anderen Person zusammen zu sein, ist Liebe. Heiraten oder mit einem Mann eine Familie gründen, das interessiert sie nicht. Und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Sie bleiben nicht zusammen wegen der Kinder oder des Geldes oder sonst etwas.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei den Mosuo das Konzept der Heirat, der Ehe?

Coler: Ja, den Kindern wird sogar damit gedroht, 'Wenn du nicht brav bist, dann verheiraten wir dich'. Die Kinder kennen Verheiratetsein als Horrorgeschichte. Mich haben sie gefragt, wie wir das machen. Ich sagte: Mann trifft Frau, sie verlieben sich, haben Kinder und leben ihr ganzes Leben zusammen. Ah, sagten sie, das muss toll sein. Und du weißt, sie lachen sich darüber kaputt, dass wir ständig etwas wiederholen, von dem wir selbst wissen, dass es nicht funktioniert.[…]  

Das klingt alles sehr weise und einleuchtend.
Am liebsten möchte ich sofort das Matriarchat in Deutschland ausrufen.

Aber im Grunde haben wir ja mit von der Leyen und Merkel schon ein Matriarchat. Es funktioniert nur nicht.
Allerdings kann man den beiden auch beim besten Willen nicht diesen Satz zuschreiben:
„Es sind starke Frauen, die klare Anweisungen erteilen.“

Matriarchat funktioniert auch nur mit klugen Frauen.

Hoffentlich kommt niemand in Amerika auf solche Gedanken! Wenn Ann Coulter, Megyn Kelly, Sarah Palin und Michele Bachmann das Ruder übernehmen, kann Gott gleich für immer die Lichter über dem Planeten löschen!