Sonntag, 25. Juni 2017

Wir Winzigen.

Stellt man sich die Lebensdauer dieses Planeten als ein Jahr vor, tauchte der Mensch erst in der letzten Minute vor Mitternacht an Silvester auf.
Während andere Mitglieder der Fauna- und Flora-Familie schon seit vielen hundert Millionen Jahren existieren, sind wir hier noch die Neuankömmlinge; gewissermaßen die Punks, die mal kurz zum Randalieren einfallen.
Homo Sapiens ist keine ansehnliche Rasse. Kaum jemand bringt derartig hilflose schwache Nachkommen zur Welt, die über Jahrzehnte unselbstständig sind; ohne Hilfe verhungern und erfrieren würden.
Körperlich können wir auch eher nichts; die Muskelkraft unserer Primaten-Verwandten beträgt ein Vielfaches. Schon die kleinen Schimpansen sind doppelt so stark.

[….] Pro Kilo Gewicht sind Affen etwa doppelt so stark wie Menschen. Woran das liegt? Erstens sind die wichtigen Muskelfasern der Schimpansen länger und können die doppelte Arbeit verrichten. Und zweitens zahlen Menschen den Preis für ihr höher entwickeltes Gehirn: Weil wir mehr Motorneurone besitzen, können wir unsere Muskelkraft feiner justieren – der Affe schlägt immer mit voller Kraft zu. [….]

Physisch haben wir nichts drauf. Andere laufen schneller, springen weiter, leben länger.
Vieles, wie fliegen oder unter Wasser leben, können wir gar nicht.
Noch erbärmlicher sieht es bei unseren Sinnesorganen aus. Wir sehen, riechen und hören vergleichsweise schlecht.
Andere Tiere können wesentlich mehr Informationen aufnehmen.

[…..] Obwohl der Adler einen wesentlich kleineren Kopf hat als der Mensch sind die Augäpfel im Vergleich beinahe genauso groß. Sie berühren sich fast in der Mitte des Kopfes. Zwei weitere Besonderheiten unterscheiden das Adler- vom Menschenauge und ermöglichen so die unnachahmliche Sehkraft: Die Linse - beim Menschen fest und unbeweglich - ist beim Adler flexibel und lässt sich individuell der Situation anpassen.
Außerdem verfügt das Adlerauge über eine sehr viel höhere Anzahl an Zapfen. Dies sind Sinneszellen im Auge, die für die Sehschärfe verantwortlich sind. Während der Mensch auf einem mm² ca. 200.000 Zapfen hat, sind es beim Adler auf einem mm² 1 Million Zapfen! Die höchste Konzentration dieser Zapfen, also dort wo man am schärfsten sieht, befindet sich in der so genannten Sehgrube. Wir Menschen haben eine davon, aber das außergewöhnliche Adlerauge verfügt über gleich zwei! […..]

[….] Unsere Hörspanne zwischen 20 und 20.000 Hertz ist so breit gefächert, dass wir damit etwa 400.000 Töne unterscheiden können. Einige Frequenzbereiche bleiben uns jedoch verschlossen: Sehr tiefe Töne im Infraschallbereich und die besonders hochfrequenten Töne des Ultraschallbereichs kann das menschliche Ohr nicht wahrnehmen – einige Tiere hingegen schon. Elefanten, Rinder und Insekten hören sehr tiefe Geräusche unter 16 Hz, deren Schallwellen sich über lange Distanzen ausbreiten. Am anderen Ende der Skala stehen etwa Igel, Fledermäuse und – als Spitzenreiter – Delfine, die Tonhöhen von über 100.000 Hz hören. […..]
(Geers)

Hunde besitzen 220 Millionen Riechzellen, Rehe etwa 350 Millionen. Menschen nur 20 bis 30 Millionen. Damit können besonders geschulte Menschen bis zu 10.000 Gerüchte unterscheiden. Lächerlich im Vergleich mit Hunden, die über eine Millionen Gerüche unterscheiden können. Hunde haben aber immer noch wenig sensible Nasen verglichen mit Elefanten. Die totalen Geruchsversager bleiben aber Menschen.

[…..] Afrikanische Elefanten haben ihren Genen nach zu schließen einen äußerst guten Geruchssinn. Einer Studie zufolge besitzen die Rüsseltiere mehr als doppelt so viele für die Geruchsrezeptoren verantwortliche Gene wie Hunde – und sogar fünf Mal mehr als Menschen. „Offensichtlich ist die Nase eines Elefanten nicht nur lang, sondern auch hoch entwickelt“, wird Yoshihito Niimura von der Universität Tokio in einer Mitteilung zur Studie zitiert.
Sein Forscherteam hatte die Gene für die Geruchswahrnehmung bei 13 Säugetieren untersucht. Neben Elefanten wurden unter anderem Ratten, Kühe, Pferde, Hunde, Mäuse und Primaten berücksichtigt. Mit fast 2.000 Erbgutabschnitten liege der Afrikanische Elefant (Loxodonta africana) an der Spitze, heißt es in der Fachzeitschrift Genome Research. Dies deute darauf hin, dass die Tiere sehr differenziert und sensibel riechen können. Allerdings sei die Zahl der Gene allein noch kein sicherer Beweis für die tatsächlichen Riechfähigkeiten, schränken die Forscher ein.
Der Mensch rangiert auf der Skala der Riechfähigkeit in der Studie zusammen mit anderen Primaten ganz unten. […]

Noch nicht mal das menschliche Gehirn taugt zu Superlativen.
Ein Delphin-Hirn wiegt 1,6 Kg, ein Elefantenhirn fast 5 kg und ein Pottwal bringt es auch ein 8-Kilo-Hirn. Menschen kommen mit 1,4 kg aus.

Nicht illustriert aber die Verblödung der Menschen besser als das Gottes-Ebenbild-Postulat.
Zwei Milliarden Menschen hängen einer bizarren Ideologie an, die sie als „Krone der Schöpfung“ ausweist und von ihnen verlangt „sich die Erde untertan zu machen“.

Man werfe nur einen Blick auf das elektromagnetische Wellenspektrum. 


Das ist eine exponentielle Skala und wie lächerlich schmal ist der Bereich, den wir wahrnehmen können, den wir auch noch arrogant als „sichtbares Licht“ bezeichnen. Dabei ist es nur der willkürlich ausgeschnittene Bereich zwischen 400 nm und 700 nm, weil unsere Augen zufällig zu schwach und unterentwickelt sind, um darüber und darunter noch etwas zu bemerken.

Ich verstehe sehr gut, daß Menschen mit ihrer extrem eingeschränkten Sinneskraft, ihren kleinen Hirnen und ihr lächerlich kurzen Lebensspanne nicht in der Lage sind sich die Entstehung des Universums vorzustellen.
Wieso sollten wir irrelevanten Winzlinge das können?
Nein natürlich können wir uns nicht vorstellen, daß die Erde als schwarzes Loch auf ein Volumen von einem Quadratzentimeter zusammengepresst wäre und bei derselben Masse Licht und Zeit verbiegen würde.



Und wenn unser Universum mit dem Urknall entstand, was war eigentlich vor dem Urknall?

Gravitationswellen und andere Angelegenheiten der Astrophysiker sind schwer vorstellbar.

[…..] In den ers­ten ein bis zwei Jahr­mil­li­ar­den nach dem Ur­knall, so ver­mu­ten die Kos­mo­lo­gen, ball­ten sich mons­trö­se Was­ser­stoff­wol­ken zu ex­trem hei­ßen und kurz­le­bi­gen Son­nen zu­sam­men. Bald schon stürz­ten die­se un­ter dem Ge­wicht ih­rer ei­ge­nen Schwer­kraft in sich zu­sam­men. Den Mo­del­len der Theo­re­ti­ker zu­fol­ge wa­ren sol­che Ster­ne die ein­zi­gen, die fä­hig wa­ren, schwar­ze Lö­cher von 30 oder so­gar noch mehr Son­nen­mas­sen zu bil­den.

Viel­leicht wer­den die For­scher im nächs­ten Ver­suchs­lauf auch die hel­le­ren Klän­ge der Neu­tro­nen­ster­ne ein­fan­gen kön­nen, gleich­sam die Pic­co­lo­flö­ten im Ster­nen­or­ches­ter. Weil sie lei­ser sind als die schwar­zen Lö­cher, wer­den die For­scher de­ren Zu­sam­men­stö­ße al­ler­dings nur hö­ren kön­nen, wenn sie sich in der kos­mi­schen Um­ge­bung der Milch­stra­ße er­eig­nen. Bis auf 300 Mil­lio­nen Licht­jah­re hof­fen sie, ih­ren Ho­ri­zont aus­wei­ten zu kön­nen. [….]


Kosmische Dimensionen führen selbstverständlich über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus.
Das bestätigt aber alles was wir wissen, denn Menschen sind nun mal extrem begrenzte Wesen mit winzigen Hirnen.

Es ist hochgradig absurd für alles was wir (noch) nicht verstehen einen Gott, eine ordnende Kraft zu postulieren.

Ebenso ist es absurd immer wieder larmoyant die Sinnfrage zu stellen.
Was ist der Sinn des Lebens? Wozu sind wir auf der Erde? Was kommt nach uns?

Natürlich hat unser Leben gar keinen Sinn. Es ist die reine Hybris einen Sinn in unsere Winzigkeit und Zufälligkeit zu suchen.

[…..] "Das Universum hat genau die Eigenschaften, die es haben müsste, wenn wir eben da keinen Gott unterstellen, der das alles gedacht hat und mit einem Plan versehen hat. Dass Menschen leiden, dass der eine gesund ist, der andere schon sehr früh krank wird, dass Kinder sterben müssen - dahinter steckt kein Sinn, sondern das ist letztlich nur das Produkt des sinnfreien Waltens von Zufall und Notwendigkeit, und damit müssen wir uns zurechtfinden. Aber diese Botschaft ist letztlich nicht so trostlos, wie sie klingt, sondern es ist eine frohe Botschaft. Denn wenn es den Sinn an sich nicht gibt, dann sind wir dazu ermächtigt, den Sinn aus uns selbst zu schöpfen." […..]

[…..] Ich definiere Gott als ein imaginäres Alphamännchen. Wer überzeugend behaupten kann, er hätte einen besonders guten Draht zu diesem, erschleicht sich Vorteile in der menschlichen Säugetierhierarchie. Wir haben nun mal die Verhaltens-neigungen von Primaten. Ein Bedürfnis ist aber kein Gottesbeweis. […..] Die Erde und die Menschen sind zeitlich begrenzte Phänomene in einem sinnleeren Universum, das irgendwann den Kältetod sterben wird. Wenn ich weiß, dass es keinen Sinn an sich gibt, bin ich dazu ermächtigt, den Sinn aus mir selbst zu schöpfen. Wenn ich weiß, dass ich endlich bin, werde ich dieses einzige Leben, das ich habe, auch wirklich leben und genießen. Ein unendliches Leben wäre unerträglich. […..]
(Michael Schmidt-Salomon)

Samstag, 24. Juni 2017

Polizei, Osterei- Teil II

Vor ein paar Tagen hielt ich abends um 23.00 Uhr mitten auf der Straße bei einer Altglas- und Altpapiersammelstelle an, stellte den Warnblinker an und entsorgte haufenweise Altpapier.
Auf den Containern prangt in Versalien, man solle nach 19.00 Uhr nichts mehr einwerfen.
Aber ich vermutete, damit sind nur Flaschen gemeint. Papier macht schließlich keinen Lärm beim Einwurf und außerdem konnte ich nur deshalb quer auf der Straße halten, weil um die Uhrzeit ohnehin niemand unterwegs war.
Als ich wieder wegfahren wollte, sah ich auf dieser leeren Straße ausgerechnet jetzt einen Polizeiwagen ca 50 m hinter mir. Wie vom Blitz getroffen sprang ich in meine Karre und wollte entkommen, bevor die mein Nummernschild sehen konnten.
Ich scheiterte aber bereits 30 m weiter an einer roten Ampel, sah den sich im Rückspiegel vergrößernden Peterwagen anrollen.
Es kam wie es kommen mußte. Sie schalteten das Blaulicht kurz an, blendeten auf und wollten mich offensichtlich kontrollieren. Mist, jetzt waren sie schon so nah dran, daß ich mich auch nicht mehr unauffällig anschnallen konnte. Schon zwei Vergehen. Der Polizist auf dem Beifahrersitz setzte eine Lautsprecheranlage in Gang, forderte mich zu irgendetwas auf, das ich wegen meiner lauten Klimaanlage und der Musik nicht verstand. Unangeschnallt, quer geparkt, vier Stunden nach der erlaubten spätestens Uhrzeit Müll abgeladen und nun ignorierte ich auch noch durch meinen eigenen Höllenlärm die Polizeidurchsagen. Habe ich eigentlich noch TÜV? Und wollte ich mir nicht schon immer mal diese grüne Umweltplakette besorgen? Steckt mein Führerschein wirklich im Portemonnaie? Wird den Bullen auffallen, daß ich es schon seit Ewigkeiten versäumt hatte meine Aufenthaltsgenehmigung umschreiben zu lassen? Mußte ich wirklich so große Atheisten-Aufkleber auf der Heckklappe haben? Und wieso, verdammt noch mal, habe ich nicht längst die Reifen mit mehr als einem Millimeter Profil gekauft?
Inzwischen war die Ampel grün, aber eine Flucht kam ja wohl nicht mehr in Frage. Ich fügte mich devot in mein Schicksal, schaltete Musik und Lüftung aus, öffnete mein Fenster.
Nun verstand ich die Uniformierten endlich: „Ihre Warnblinkanlage ist noch angeschaltet!“
Potzblitz! In der Tat. Durch meinen rasanten Start hatte ich vergessen den Warnblinker auszumachen. Das holte ich nun nach und machte eine entschuldigende Geste gen Rückspiegel. Beide Polizisten lächelten und gaben ein Daumenhoch-Handzeichen! Alles gut.
So kann es einem ergehen zwei Wochen bevor Trump in der Nachbarschaft einzieht und die ganze Gegend verschärft überwacht wird.

In anderen Ländern und insbesondere mit einer anderen Hautfarbe als meiner, können solche Begegnungen sehr anders ausfallen.

[….] Schläge, Tritte, Schüsse: In den USA müssen jährlich rund 51.000 Menschen wegen Polizeigewalt im Krankenhaus behandelt werden. [….] Ärzte des New York-Presbyterian Hospital haben nun untersucht, wie viele Menschen zwischen 2006 und 2012 wegen Polizeigewalt in US-Krankenhäusern behandelt wurden und ob die Zahl der Fälle zunimmt. Sie stützten sich auf landesweite Stichproben aus Notaufnahmen, die etwa ein Fünftel aller Besuche in Notaufnahmen berücksichtigen und deshalb als repräsentativ gelten. Insgesamt wurden in der Studie aus dem Fachblatt "Jama Surgery" 355.600 Fälle von Polizeigewalt ausgewertet.
80 Prozent der Betroffenen waren der Untersuchung zufolge Männer, das Durchschnittsalter lag bei etwa 32 Jahren. [….]  1202 Menschen starben an den Folgen von Polizeigewalt, das entspricht etwa 0,3 Prozent Fälle, die untersucht wurden. [….]  Die Anzahl könnte seither aber deutlich zugenommen haben. Laut einer Statistik der "Washington Post" wurden allein in diesem Jahr bereits 289 Menschen [Jan-Mrz 2017 –T.]  in den USA durch Polizisten erschossen. [….]

Freitag, 23. Juni 2017

Die schlimmen 16 Jahre.

Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde, war ich noch ein Teenager, aber es war ein großer politischer Schock. Premierministerin Margaret Thatcher, seit 1975 Vorsitzende der britischen Konservativen ließ sich zu dem Satz hinreißen, sie könne nicht verstehen wieso die Deutschen einen so ausgewiesenen Fachmann wie Helmut Schmidt durch diesen Provinzler ersetzten.
Das war doppelt erstaunlich; denn einerseits gehörte es sich nicht die neue Regierung eines Partnerlandes derart zu brüskieren und andererseits waren Kohl und Thatcher beide Vorsitzende ihrer rechten Parteien. Die englische Lady war bekannt als Sozialistenfresserin und sollte sich also eigentlich gefreut haben, daß ein SPD-Kanzler verschwand und durch einen ihrer Parteifreunde ersetzt wurde.

Thatchers schlimmste Befürchtungen bestätigten sich bedauerlicherweise in den nächsten Jahren. Sie litt jedes Mal, wenn sie mit ihm zusammentraf und veröffentlichte später als Rentnerin ihre Version der gruseligen Saumagen-Fressorgien in der Pfalz. Kohl wiederum nahm es der Premierministerin übel, daß sie sichtlich abgestoßen von seinen Deidesheimer Provinz-Orgien mit Fressen, Furzen, Saufen war.

[…..] Helmut Kohls Urteil war derart harsch, dass es bis heute überliefert ist: Thatcher sei „eiskalt“, ließ er durchsickern. Er scheue sie „wie der Teufel das Weihwasser“. Aus der gegenseitigen Abneigung machte auch die Eiserne Lady kein Hehl. Kohl war für sie der Inbegriff des deutschen Tollpatsches: Er lud sie zu Pfälzer Saumagen ein und stellte damit erst recht seine Unzivilisiertheit unter Beweis. [….]

[…..] Die schlechte Chemie zwischen der „Eisernen Lady“ und Bundeskanzler Helmut Kohl beeinflusste  auch Thatchers Haltung zur Einheit. Sie konnte Helmut Kohl nicht ausstehen. Das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit: Der damalige Bundeskanzler benutzte „unaufschiebbare Amtsgeschäfte“, um sich nicht in Salzburg mit der „Eisernen Lady“ zu treffen. Stattdessen mampfte er Sahnetorte in einer Konditorei.  […..]

Als Helmut Kohl 1999 ankündigte die Beerdigung von Raissa Maximowna Gorbatschowa zu besuchen, ließ Thatcher sicherstellen, daß er nicht auch zu ihrer Beerdigung auftaucht.

In meiner Familie hatte man sich 1982 kaum vom 1980er „Stoppt Strauß-Wahlkampf“ erholt. Mehrere Verwandte hatten konkrete Auswanderungspläne für den Fall eines Strauß-Sieges geschmiedet. Und nun also Kohl?

1982 begann ich aus dem SPIEGEL (und anderen Zeitungen) Kohl-Zitate auszuschneiden und an die Wand zu pinnen. Es gab damals die Rubrik „Worte der Woche“, in der Kohl fast jedes Mal auftauchte, weil der Mann so unfassbar ungebildet war, daß er kontinuierlich Dümmlichkeiten absonderte.
Natürlich hatte ich mir nicht vorstellen können meine „Birne-Wand“ 16 Jahre lang aufzustocken.
Zwei Umzüge machte sie mit, bis sie eine ganze Wand in meiner Küche füllte.


Im Gegensatz zu fast allen Menschen, die jetzt über Kohl schreiben, halte ich ihn nicht für einen großen Kanzler, sondern nach wie vor für eine Katastrophe, die Deutschland schweren Schaden zufügte.
Die deutsche Vereinigung fiel ihm ohne sein Zutun in den Schoß und die dabei gefallenen Grundsatzentscheidungen – Ausverkauf des gesamten DDR-Volkseigentums über die Treuhand an westliche Investoren, sowie das fatale Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ – führten blitzschnell zu Massenarbeitslosigkeit und breiter Verarmung im Osten.

Kohl war ein korrupter Krimineller, der Wirtschaftspolitik einseitig zu Gunsten der Konzerne betrieb und darüber hinaus menschlich ein besonders schäbiger Charakter war. Das zeigen unter anderem sein unterirdisches Verhalten gegenüber seiner ersten Frau, seinen Söhnen und seinen Enkeln, sowie die schäbige Behandlung seines treuen Ecki Seebers.
Der „ewiger Bundeskanzler“ war nicht nur ein schlechter Politiker und notorischer Rechtsbrecher, sondern ein Sadist, der es genoss andere zu demütigen.
So ist beispielsweise überliefert wie er als Mainzer Ministerpräsident die CDU-Granden zu Wanderungen nötigte und dabei Bernhard Vogel auf jeden einzelnen Hochsitz klettern ließ, weil er wußte, daß Vogel unter extremer Höhenangst litt.

Kohl wußte nie was sich gehört und lernte nie dazu. Als er ohne seine Söhne aber mit Kai Diekmann 2008 seine Maike heiratete, ließ er sie die alten Klamotten und Schmuck von Hannelore auftragen – offensichtlich gegen den erbitterten Widerstand seiner Kinder, die er damit öffentlich demütigte.


Helmut Kohl ist so nachtragend, daß er dafür sorgte, daß weder der Bundespräsident (weil Steinmeier Sozi ist!) noch die Bundeskanzlerin (hat ihn aus dem CDU-Ehrenvorsitz gedrängt) auf seiner Beerdigung spricht.
Seine Familie wird ebenfalls ausgesperrt. Walter Kohl und den Enkeln erteilte Maike Kohl-Richter Hausverbot und offensichtlich werden die Söhne gar nicht bei der Beerdigung anwesend sein.

Frauen wie Brigitte Seebacher und Maike Richter veranlassten mich schon 2013 die indische Tradition der Witwenverbrennung in positivem Licht zu sehen.

Natürlich darf und soll man anlässlich eines akuten Todesfalles die Person in einem etwas milderen Licht sehen, aber nachdem ich mich 30 Jahre intensiv mit diesem Mann beschäftigt habe, fällt mir nichts Positives zu ihm ein.
Ich will einräumen, daß er es verstand für die CDU Wahlen zu gewinnen und politische Macht an sich zu raffen, aber genau diese ewige bleierne CDU-Herrschaft machte Deutschland so unangenehm und rückständig.

Ich verstehe auch nicht wie Herr Juncker auf die Idee kommt, Kohl sei ein großer Europäer.
Kohls engster politischer Freund und letzter privater Besucher in Oggersheim war Viktor Orbán. Maike und Helmut Kohl bewundern den rechtsextremen Antisemiten so sehr, daß sie versuchten ihn als Redner bei Kohls Beisetzung durchzudrücken. Orbán, der in Ungarn Sinti und Roma, sowie Homosexuelle jagen läßt, Universitäten schließt, die nicht auf Linie sind, die Pressefreiheit und Gewaltenteilung abschafft, ist der große Spaltpilz Europas. Was sagt es über Helmut Kohl aus diesen braunen Magyaren als Redner bei seinem endgültigen Abschied zu wünschen?

[…..] Orbáns Aussagen am Samstag zusammengefasst lauteten: Europa läuft Gefahr "übernommen" zu werden, was "die Träume einer handvoll gut betuchter Aktivistenführer" erfülle, "die niemand gewählt hat und die glauben, über den Staaten zu stehen." Es sei dabei nicht "ohne Berechtigung, an die Soros-Stiftungen zu denken." Der Finanzinvestor George Soros (ungarisch-jüdische Wurzeln) sei die zentrale Figur bei der Umsetzung. Damit spielt Orbán nicht nur unmissverständlich die antisemitische Karte, sondern warnt auch die NGO´s, viele von ihnen u.a. von Soros` Open Society Foundation mitfinanziert, die in Ungarn eine ganz ähnliche Behandlung erfahren wie in Putins Russland und als "Agenten fremder Mächte" qualifiziert und behandelt werden, unter Einsatz und Missbrauch aller staatlichen Gewalten. Orbán genoss einst übrigens selbst ein Soros-Stipendium...
Man könne den maßgeblichen europäischen Playern gar keine Inkompetenz beim Umgang mit der Flüchtlingskrise unterstellen, vielmehr handele es sich um die planmäßige Umsetzung einer "linksintellktuellen Konstruktion", deren Ziel es sei, die Nationalstaaten aufzulösen oder zu schwächen. "Diese Konspiration, diesen Verrat, mit dem wir konfrontiert sind, müssen wir bekämpfen, dazu müssen wir uns an die Demokratie, an das Volk wenden." Man wolle Europa den Völkern wegnehmen. Indirekt unterstellte er bei einer nachfolgenden Rede am Wochenende auch Angela Merkel, fremdgesteuert zu sein.
Orbán bedient damit - kaum noch verklausuliert - die von Neonazis lancierte und von zahllosen "Besorgten" übernommene Theorie, wonach das "Finanzjudentum" die Weltherrschaft erringen bzw. sicherstellen will, in dem es die Völker durch Umvolkung ihrer Identitäten beraubt, um sie so besser knechten zu können. Die Flüchtlingswelle wird bewusst provoziert und nach Europa gelenkt, um dort eine Art Umvolkung vorzunehmen, damit bürgerliche Emanzipation zu schwächen und willige Arbeitssklaven zu schaffen. Sein "Aufruf an das Volk" ist indes nichts anderes als die Umsturzaufrufe von Pegida und anderen Nazigruppen, allerdings getätigt durch einen Regierungschef eines EU-Landes. [….]

Dem späten Helmut Kohl gefiel Herr Orbán also mehr als die eigene CDU-Bundeskanzlerin.

Nun ja, auch bei Kohl selbst gibt es Hinweise auf Antisemitismus.

Kohl misstraute Israel und „den Juden“. Daher versuchte er zum Biepsiel anfangs das zentrale Mahnmal in Berlin zu verhindern.

[…..] Nun hat der Je­na­er His­to­ri­ker Ja­cob S. Eder in ei­ner preis­ge­krön­ten Dok­tor­ar­beit Kohls da­ma­li­ge Ge­schichts­po­li­tik zum Ho­lo­caust ana­ly­siert. Eder kommt zu ei­nem bri­san­ten Be­fund: 40 Jah­re nach Kriegs­en­de wa­ren an­ti­se­mi­ti­sche Vor­ur­tei­le und Kli­schees un­ter CDU-Po­li­ti­kern und kon­ser­va­ti­ven ho­hen Be­am­ten der Bun­des­re­gie­rung ver­brei­tet. Selbst der Kanz­ler war nach Eders Re­cher­chen nicht frei da­von.

Der His­to­ri­ker hat in Ak­ten des Kanz­ler­amts und des Aus­wär­ti­gen Amts re­cher­chiert, die Be­rich­te Kohls im CDU-Bun­des­vor­stand aus­ge­wer­tet und Nach­läs­se von CDU-Po­li­ti­kern durch­ge­se­hen. Im­mer wie­der stieß er auf an­ti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe.
Etwa je­nes über die an­geb­li­che Macht „der Ju­den“, die in den USA Zei­tung, Fern­se­hen und Ra­dio oder so­gar das Wei­ße Haus steu­er­ten. Der CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Pe­ter Pe­ter­sen warn­te 1985 in ei­nem Schrei­ben an den CDU/CSU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Al­fred Dreg­ger, die deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Be­zie­hun­gen wür­den „wirk­sam ver­gif­tet wer­den“, falls es nicht ge­län­ge, „die ein­fluss­rei­chen Ju­den in Ame­ri­ka zu be­frie­di­gen oder min­des­tens zu neu­tra­li­sie­ren“. Pe­ter­sen glaub­te, der „jü­di­sche Ein­fluss“ auf die ame­ri­ka­ni­schen Mas­sen­me­di­en sei „nicht zu über­schät­zen“.
Auch der an­ti­se­mi­ti­sche Stan­dard­vor­wurf, Ju­den wür­den den Ho­lo­caust für po­li­ti­sche Zwe­cke in­stru­men­ta­li­sie­ren, taucht häu­fig auf. So er­zähl­te Kohl 1983 vor Par­tei­freun­den, „füh­ren­de Ju­den“ in den USA woll­ten mit dem Ge­den­ken an den Ju­den­mord „ei­nen mo­ra­li­schen He­bel an­set­zen, um der ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit fort­dau­ernd zu sa­gen, ihr müsst Is­ra­el auf Ge­deih und Ver­derb un­ter­stüt­zen“.
Eder wirft Kohl und sei­nem Um­feld ei­nen „se­kun­dä­ren An­ti­se­mi­tis­mus“ vor. [….]
(DER SPIEGEL, 38/2016 s. 54)

Donnerstag, 22. Juni 2017

Urnengift Politik

Erst die Linken, dann die Grünen Regierungspläne und nun kommt auch noch die SPD immer mehr in die Spur.
Obwohl längst das postpolitische Zeitalter begonnen hat, machen sich die Journalisten daran die Parteikonzepte zu analysieren, nachzurechnen und zu beurteilen.
Meine Sozi-Jungs haben es demnach wieder einmal recht gut gemacht.
Das mit der Rente war zwar nichts, aber das muß man verzeihen; immerhin war Andrea Nahles Co-Autorin und so gab es keine Chance irgendetwas Sinnvolles vorzulegen.

Die Steuerkonzeption aber, die auch das Abschmelzen des Solidaritätsbeitrages beinhaltet wird allgemein gelobt.

[….] Der linke Flügel der SPD fordert vor dem Parteitag am Sonntag programmatische Nachbesserungen. "Martin Schulz hat ein sehr gutes Steuerkonzept vorgelegt - und trotzdem dürfen wir die Vermögensteuer nicht aus dem Auge verlieren", sagte Matthias Miersch, Sprecher der Parlamentarischen Linken, der Süddeutschen Zeitung. [….]

Sogar der neoliberale Marc Beise, FDP-affiner Wirtschaftschef bei der SZ erwärmt sich für die Sozi-Pläne. Seit 1991 habe der Soli trotz aller Versprechen ihn abzuschaffen weiter bestanden, grummelt Beise.

[….] Nun aber ist er binnen zweier Tagen kassiert worden, jedenfalls perspektivisch. Am Montag hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz angekündigt, dass die SPD den Soli für untere und mittlere Einkommen abschaffen will, später auch für höhere Einkommen. Am Dienstag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nachgelegt und eine Abschaffung für alle (allerdings später) in Aussicht gestellt.
Zwar leidet der SPD-Vorstoß daran, dass er Teil eines wie üblich vorrangig umverteilerischen Steuerkonzepts ist, das den einen nimmt, was den anderen gegeben werden soll. Dass der Staat sich mal bescheide und Wachstumskräfte quer durch die Gesellschaft wecken könnte, steht nicht wirklich zur Debatte. Der CDU-Vorstoß wiederum krankt daran, dass die Union noch gar kein Steuerkonzept fertig hat, geschweige denn ein Wahlprogramm. Was angesichts der Wahl in drei Monaten ziemlich bräsig ist. Auch wenn die Kanzlerin sich wieder größerer Zustimmung erfreut, ein Programm hätte der Wähler schon gern.
Aber wir halten fest, dass beim Soli Pflöcke eingeschlagen sind - endlich. […..]

An einer Stelle staune ich nur wenig:
Die ärmere Hälfte der Deutschen zahlt gar keine Einkommenssteuer, weil sie so wenig verdienen, daß sie unter den Freibeträgen liegen. Streicht man also den Soli, hilft das nur der reicheren Hälfte der Deutschen und da es eine prozentuale Steuer ist, wird man umso mehr entlastet, je mehr man verdient.
Gerecht ist anders.

Viel mehr staune ich aber über Beises Ärger ob des nicht vorhandenen CDU-Konzeptes.

Wo war denn Herr Beise die letzten 19 Jahre seit Angela Merkel ganz oben an der CDU-Spitze steht (erst als Generalsekretärin, dann als Vorsitzende)?
Merkel hat bis auf eine einzige Ausnahme, nämlich den Flattax-Wahlkampf von 2005 mit der Idee von der Kopfpauschale nie mehr irgendeine verbindliche steuerpolitische Aussage getroffen.
Kein Wunder, denn sie erlitt 2005 eine fürchterliche Bauchlandung. Das ganze Jahr prognostizierte man eine absolute CDU-Mehrheit und dann schleppte Merkel sich mit einem hauchdünnen Vorsprung vor den Sozis ins Ziel, so daß es noch nicht mal mehr für Schwarzgelb reichte.

Aber die Frau ist lernfähig. Nie wieder wurde sie konkret. 12 Jahre Kanzlerin und bis heute weiß niemand was sie über Finanz- oder Steuerpolitik denkt.
Genau damit war sie ungeheuer erfolgreich, denn kein Wähler liest Programme, schon gar nicht mehrere. Niemand sieht sich die Zahlen im Kleingedruckten an und wägt dann neutral anhand der Fakten ab, welche Partei das bessere Konzept hat.
Im Gegenteil, Konzepte verwirren den Urnenpöbel und liefern der Presse und den politischen Gegnern Angriffsfläche.
Ein Konzept zu erarbeiten und es auch noch öffentlich vorzutragen ist ungefähr so sinnvoll, wie sich in einem Stellungskrieg nackt auszuziehen und dann unbewaffnet aus dem Schützengraben zu klettern.
Die eingegrabenen Soldaten in den gegenüberliegenden Stellungen werfen dann nicht erfreut ihre Waffen weg und bewundern den Alabasterkörper des nackten Sozis, sondern sie laden durch und knallen ihn ab.

Merkel wäre nie so dumm. Sie liegt eingegraben in der sicheren Deckung und schlummert im Kanzleramtbunker bis zum 24.09.2017, um dann einmal kurz ihr Haupt zu erheben und befriedigt festzustellen, daß sich alle Konkurrenten wieder einmal gegenseitig zur Strecke brachten.

Es hat etwas rührend-naives, wenn nach all den Jahren immer noch Journalisten klagen und jammern wie sich Merkel dem Wahlkampf entzieht.
Weshalb sollte sie so verrückt sein das ultimative Erfolgskonzept der „asymmetrischen Demobilisierung“ zu ändern?

Das ist das Schöne daran grundkonservativ zu sein – es braucht keine lästigen Konzepte, es reicht die Macht zu haben und Minderheiten zu demütigen.

Bei SPON beklagt Herr Tietz, daß Frau Merkel mit so einer Inhaltsleere keine vierte Amtszeit verdient hätte. Haha, als ob es in der Politik darum ginge, was einer verdient, haha, als ob Wahlen gerecht wären.

Merkel ohne Programm: Keine Ideen, kein Aufbruch, nichts!
Ihre Partei gähnt vor Langeweile, sie selbst glänzt derzeit durch Nichtstun - und trotzdem sind CDU und Angela Merkel wieder obenauf. Doch die Kanzlerin hat keine weitere Amtszeit verdient. […..] Dass die internationale Presse sie feiert und sie als Führerin der freien Welt geachtet ist, verstellt den Blick darauf, dass sie zu Hause nicht viel mehr liefert, als regelmäßig schöne Bilder.
Welches große politische Projekt bringt man mit Merkel in Verbindung? Welchem Gesetzesvorhaben hat sie ihren Stempel aufgedrückt? Was will sie, außer weiter an der Macht bleiben? […..] Bei Helmut Kohl kam nach zwölf Jahren Amtszeit auch keine Wechselstimmung auf. Danach saß er seine Zeit bis 1998 nur noch ab. Die Nachfolger hatten Jahre damit zu tun, seine Versäumnisse aufzuarbeiten.  Das kann man natürlich eine politische Strategie nennen. Oder trostlos. [….]

Kollege Fischer befindet sich gedanklich sogar auf noch bizarreren Abwegen, indem er tatsächlich eruiert mit welcher inhaltlichen Ausrichtung die SPD noch Chancen hätte.

[……] Generalsekretär Peter Tauber lästert derweil über Schulz: Der mache "Dalmatiner-Politik", man sehe nur Punkte. "Hier mal ein Fünf-Punkte-Papier, da mal eine Zehn-Punkte-Rede", so Tauber in der "Saarbrücker Zeitung".
Bei der CDU gibt es keine Punkte. Keine Kanten, keine Reibung, die Kanzlerin auf Schleichfahrt.
Die Union verteile "Merkel-Bonbons ohne Füllung", kommentiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Und die "Zeit" bemerkt, die Kanzlerin "ignoriert alle inhaltlichen Debatten". An diesem Mittwoch hat Generalsekretär Tauber schon mal die Wahlplakate vorgestellt, ein paar Schlagworte, viel Schwarz-Rot-Gold und der Slogan: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Die Inhalte kommen dann ja später.
Und doch ist Angela Merkel für die SPD bisher nicht zu fassen. Längst verflogen ist der Schulz-Hype vom Jahresanfang, jüngsten Umfragen zufolge könnte es sogar neuerlich für Schwarz-Gelb reichen.
Was tun? Im SPIEGEL kündigt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil die rote Gegenoffensive an, will Merkels Nicht-Wahlkampf zum zentralen Thema machen: "Das ist ein Stück weit Demokratieverachtung, die hinter dieser Taktik steckt." […..]

Für eine linkere Opposition in Deutschland gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie bietet einen Strahlemann wie Emmanuel Macron auf, in den sich alle verlieben. Karl Theodor von und zu Baron Freiherr hat schließlich beweisen, daß man ganz ohne irgendeinen politischen Plan auf eine 90%-Zustimmungsrate klettern kann.
Oder aber man puzzelt weiter vor sich hin, streichelt der Basis den Bauch, zankt sich ein bißchen mit den anderen R2G-Parteien und wartet einfach Niederlage um Niederlage ab, bis Merkel nach 16 oder 20 Jahren keine Lust mehr hat.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Es sitzt schon verdammt tief.

Es gibt politische Konzepte und Personen, über die man diskutieren kann. Selten gibt es Win-Win-Win-Situationen. Meistens gibt es auch Nachteile, so daß man abzuwägen hat.

Sind mir der langfristige Schutz der Umwelt oder die kurzfristigen Profite der Autoindustrie wichtiger?
Sollte man die privaten Finanzanleger vor Verlusten schützen oder lieber an die gebeutelten griechischen Rentner denken?
Möchte ich lieber die Gewinne und Parteispenden von Heckler und Koch erhalten, oder wäre es moralischer dazu beizutragen, daß weniger Kinder durch Waffengewalt umkommen?

Das sind solche Fragen.

Bei Donald Drumpf hingegen ist es überflüssig zu grübeln. Die Trump-Präsidentschaft ist eine Lose-Lose-Lose-Angelegenheit. Es werden nur Verlierer produziert. Das Gesundheitssystem, das amerikanische Volk, die Wahrheit, die internationalen Beziehungen, das Ansehen der USA, das Klima, die Wirtschaft, die politische Kultur, der Friede, die Demokratie, die Pressfreiheit.
Trump und seine devoten Republikaner, die speichelleckend in seinen Körperöffnungen stecken, sind eine unentschuldbare Totalkatastrophe. Grotesk lügend debakuliert diese Inkarnation der Peinlichkeit durch die Welt.
Donald Trump und seine bizarr unfähige Kamarilla transformieren die US-Demokratie in eine nepotistische Idiokratie.

Die Repukelicans verfügen über gewaltige Mehrheiten. Sie kontrollieren das Weiße Haus, den Senat, das House und stellen 2/3 der Gouverneure.
Kongresswahlen stehen erst im Herbst 2018 an, aber gestern fanden zwei symbolisch äußerst aufgeladene Nachwahlen statt.

Aufgrund der unfassbaren Pannenperformance des viele hundertfach überführten korrupten Lügners im Oval Office, hatten die Wähler zweier Wahlbezirke in Georgia und South Carolina die Chance mit Trump abzurechnen und zwei zusätzliche Demokraten ins House zu schicken. Keine unwichtige Angelegenheit, denn bei Impeachment-Angelegenheiten kommt es auch jede Stimme, sowie die Stimmung im Volk an.
Jeder Mensch, dessen IQ über Zimmertemperatur liegt, hätte unabhängig von seiner persönlichen Einstellung demokratisch wählen müssen, um Trump Einhalt zu gebieten.

[…..] Beide Parteien hatten vor allem der Nachwahl in Georgia enorme Bedeutung beigemessen, was vor allem an dem Kandidaten der Demokraten, dem erst 30-jährigen Jon Ossoff lag. Er galt als "Anti-Trump" und als großer Hoffnungsträger der demokratischen Partei. Er hatte es geschafft, die republikanische Kandidatin Karen Handel in die Stichwahl zu zwingen – erstmals seit 40 Jahren hätte der Sitz im Kongress an die Demokraten fallen können. Die Wahl galt als Stimmungsbarometer mehr als fünf Monate nach Trumps Amtseinführung, Republikaner und Demokraten gaben im Wahlkampf mehr als 55 Millionen Dollar aus – mehr als je zuvor in einem einzelnen Wahlkreis aufgewendet wurde. […..]

Wie ist also das Ergebnis ausgefallen? Je 80% für die Demokraten? 90%
Nein, eigentlich hätten sie 99% holen müssen, wenn die Wähler halbwegs zurechnungsfähig gewesen sind.

Die Republikanerin Karen Handel gewann den sechsten Kongressbezirk in Georgia mit 52% zu 48% gegen Jon Ossoff.

Den fünften Distrikt in South Carolina gewann der Republikaner Ralph Norman mit 51% zu 48% gegen den Demokraten Archie Parnell.

[…..] Tatsächlich hat die Demokratische Partei sämtliche Nachwahlen in diesem Jahr verloren: von Kansas über Montana bis jetzt nach Georgia und South Carolina. Während die linke Basis in den USA auf der Straße und in sozialen Bewegungen so aktiv ist, wie seit Jahrzehnten nicht mehr, ist bei den Urnengängen wenig von der Wut und dem Engagement gegen Trump zu spüren. […..]

Damit haben in vier Nachwahlen seit Trumps Sieg mit Minus drei Millionen Stimmen viermal die Republikaner gewonnen.

Amerika im Sommer 2017.
Nein, Trump wird nicht davon gejagt, er wird nicht impeached, sondern von den Amerikanern sogar noch gestärkt und unterstützt.


Dienstag, 20. Juni 2017

We are covering bad reality television.

Demokratie, Transparenz und Pressefreiheit sind keine Worte, die eine positive Bedeutung für die gegenwärtige US-Regierung hätten.
Das sind drei ganz schlechte Dinge, die man möglichst effektiv bekämpfen muß.

[…..] President Trump, in an extraordinary rebuke of the nation’s press organizations, wrote on Twitter on Friday that the nation’s news media “is the enemy of the American people.”
Even by the standards of a president who routinely castigates journalists — and who on Thursday devoted much of a 77-minute news conference to criticizing his press coverage — Mr. Trump’s tweet was a striking escalation in his attacks. [….]

Man soll nicht immer nur auf Trump und sein Kabinett schimpfen.
Der Mann hat gute Gründe die Presse als Feind anzusehen.
In unverschämter Weise beharren diese Schreiberlinge fortwährend auf Fakten. Total altmodisch, wie die immer noch der Realität verhaftet sind und nicht einfach mal akzeptieren können, daß dieser Präsident nun einmal grundsätzlich lügt.
Kann man das nicht endlich mal als „alternative facts“ anerkennen?
GOP-Berater Jeffrey Lord hatte schon im Wahlkampf beklagt, daß Factchecking zutiefst unfair sei, weil das einseitig Trump benachteilige.
Inzwischen ist der Mann fünf Monate im Amt und diese undankbaren Presseheinis lassen ihn nicht nur immer noch nicht in Ruhe vor sich hin lügen, sondern sie stellen auch noch Fragen! Hat man sowas schon jemals gehört?
Und das auch noch auf Pressekonferenzen! Da molestieren sie den armen Pressesprecher Sean Spicer, der schon in einem Busch in Deckung gehen mußte.
Ich finde es nicht in Ordnung Pressesprechern einfach Fragen zu stellen.
Deswegen zog Spicer nun auch mal die Reißleine.
Er sagt gar nichts mehr. Und die liberal TV-bastards dürfen nicht mehr aufzeichnen! Keine Filmaufnahmen, keine Audio-tapes.
Recht so! Wo kämen wir denn hin, wenn US-Regierung erklärte was sie täte. Und das womöglich auch noch ehrlich, oder was? Geht es noch?


Trumps Anwälte halten sich wenigstens streng an die Maxime Fakten zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Da soll Anderson Cooper mal nicht so ein blödes Gesicht machen. Der ist ja so vorgestern, wenn er im Juni 2017 immer noch peinlich an der Wahrheit klammert.


Allerdings muß man schon differenzieren.
Es gibt nicht nur schwarze Schafe bei den Medien.
Einige machen anständige Arbeit, indem sie stets einen großen Bogen um die garstige Realität beschreiben und im übrigen Trump rühmen und lobpreisen, wie es sich gehört:

Breitbart News, Gateway Pundit, LifeZette, Newsmax und Infowars.
Solche Typen besiedeln inzwischen das White House Presse-Corps und werden dort bevorzugt behandelt.

Ein guter Mann ist zum Beispiel Alex Jones, der sich schon seit 20 Jahren ganz und gar dem Hass und den Verschwörungstheorien verschrieben hat. Er zeigt es den linken Zecken. Für ihn ist es endlich so weit. Mit Trumps Einzug ins Weiße Haus wurden die Tore zur Hölle geöffnet, die Dämonenherrschaft ausgerufen. Nun ist auch Herr Jones Mainstream. Alex Jones weiß wie man sich gewählt ausdrückt und erklärt Demokraten mal die neue Welt.


Veit Medick, SPIEGEL-Korrespondent in Washington besuchte Anfang des Jahres die Infowars-Studios in Austin, Texas, und lernte Alex Jones als seriösen, kontrollierten Mann kennen.

[…..] Alex Jo­nes […..]  glaubt, dass die Re­gie­rung über Wet­ter­waf­fen ver­fügt, mit de­nen sie künst­li­che Tor­na­dos er­zeu­gen kann. Er ist über­zeugt, dass die Schwu­lenehe die Ver­schwö­rung ei­nes glo­ba­len Ge­heim­bun­des ist, „um den Zu­sam­men­bruch der Fa­mi­lie zu be­wir­ken“ und „Gott ab­zu­schaf­fen“. Er ist sich zu „95 Pro­zent si­cher“, dass das World Tra­de Cen­ter am 11. Sep­tem­ber 2001 nicht durch ei­nen An­schlag zer­stört, son­dern von der Re­gie­rung ge­sprengt wur­de. Das Mas­sa­ker an der San­dy-Hook-Grund­schu­le im Jahr 2012, bei dem 20 Kin­der star­ben, sei eine „Ente“ von Waf­fen­geg­nern. Es gibt kaum ein The­ma, zu dem Jo­nes nicht eine ei­ge­ne, von kei­ner­lei Fak­ten ge­stütz­te Wahr­heit an­zu­bie­ten hät­te. [….] Seit­dem Trump den eta­blier­ten Me­di­en den Krieg er­klärt hat, fühlt sich Jo­nes als jour­na­lis­ti­sche Avant­gar­de. In Wa­shing­ton fürch­ten man­che, dass sich sei­ne dunk­le Ge­dan­ken­welt im Re­gie­rungs­all­tag nie­der­schla­gen wird. Als Trump kürz­lich über Mil­lio­nen il­le­ga­le Wäh­ler­stim­men fan­ta­sier­te und der Pres­se vor­warf, nicht aus­rei­chend über Ter­ror­an­schlä­ge zu be­rich­ten, hör­ten vie­le schon Alex Jo­nes spre­chen. [….]Es ist Nach­mit­tag, Jo­nes läuft durch das Stu­dio. Der Ad­re­na­lin­pe­gel ist hoch, der Blut­zu­cker nied­rig. Er muss jetzt mal was es­sen. Auf den Tisch im Kon­fe­renz­raum ha­ben sei­ne Leu­te Grill­plat­ten ge­stellt. Hühn­chen, Rind, Würs­te. „Gu­tes Bar­be­cue“, sagt Jo­nes. „Schon pro­biert?“
Er häuft sich das Es­sen auf ei­nen Plas­tik­tel­ler, dann zieht er plötz­lich sein Hemd aus, er er­klärt nicht, war­um. Mit nack­tem Ober­kör­per sitzt er da und schau­felt Fleisch in sich hin­ein. Eine Ka­ri­ka­tur von Männ­lich­keit, aber auch eine Macht­de­mons­tra­ti­on ge­gen­über dem Re­por­ter, den er vor sich hat. Er kann tun, was er will.
Dann steht Jo­nes auf und hält sich eine Wurst an den Schritt. „Willst du lut­schen?“, fragt er.
(DER SPIEGEL, Veit Medick, 25.02.2017, s.90ff)

Erfreulicherweise läßt sich Trump nun im Weißen Haus von Alex Jones beraten.


Eins allerdings ist völlig unverständlich.
Wieso gibt es immer noch Amerikaner, die sich nicht ausschließlich nach diesen neuen Medienvorbildern wie Jones richten?

Es ist sogar noch schlimmer. Das undankbare Pack wendet sich ab von Breitbart, Infowars und Co.
Sad, so sad. Total losers.

[…..] Websites und Sender wie Breitbart und Fox haben in den USA zunächst von Donald Trump profitiert. Inzwischen hat sich ihre Reichweite zum Teil halbiert. […..] "Wir haben eine riesige und tief mit uns verwurzelte Leserschaft versammelt", sagte Breitbart-Chef Larry Solov nach der Wahl im November: "Die wird uns auch dann treu bleiben, wenn bei anderen das Interesse nachlassen wird." […..] Tatsächlich sieht die Lage derzeit etwas anders aus. Die lange von Trump-Berater Stephen Bannon geführte Seite Breitbart hat dem Institut Comscore zufolge zuletzt massiv an Nutzern verloren, die Zahl fiel von knapp 23 Millionen (November 2016) im April auf 10,7 Millionen. Und der Sender Fox News wird in der wöchentlichen Einschaltquoten-Rangliste des Marktforschungsinstituts Nielsen aktuell hinter den Konkurrenten MSNBC und CNN geführt. Zum ersten Mal seit 17 Jahren.
[…..] Es gibt verschiedene Ansätze, diese Entwicklung zu erklären. Zum einen sind die Rebellen nun Teil des Systems. Sie können nicht mehr wütend gegen den ihrer Meinung nach inkompetenten Präsidenten Barack Obama hetzen, sie müssen den ihrer Meinung nach großartigen Präsidenten Donald Trump verteidigen.
Das tun sie freilich unermüdlich: Als Trump etwa in Brüssel den montenegrinischen Premierminister Duško Marković zur Seite schob, da war auf Breitbart zu lesen: "Die liberalen Beobachter waren mal wieder fassungslos, die Konservativen dagegen applaudierten Trumps America-first-Geste." […..]

Montag, 19. Juni 2017

Weil ich ein Hamburger bin.

Hamburg ist reich an Migranten. Deshalb ist Hamburg kulturell und finanziell reich.
Als Hamburger reagiert man nicht verängstigt auf Dunkelhäutige und andere Idiome wie die Dresdner, sondern man fühlt sich bereichert.
Stolz und Protz sind dem Hamburger nicht so wichtig, daß er es übermäßig zur Schau stellt. Und weil Hamburger in die Welt hinausgehen, überhöhen sie sich nicht selbst, verschließen nicht die Augen vor den eigenen Schwächen, wissen um die Arschloch-Quote unter ihnen.

Eine Stadt mit einer derartig multikulturellen Bevölkerung weiß aber durchaus zu definieren was eigentlich ein echter Hamburger ist.
Dabei gilt es vier Typen streng zu unterscheiden.

Quiddjes sind zugezogene Hamburger wie Olaf Scholz, der zwar in Hamburg aufwuchs und über 50 Jahre in Hamburg lebt, aber in Osnabrück geboren wurde.

Gebürtige Hamburger ist man durch Geburt in der Hansestadt.

Geborener Hamburger darf man sich nur nennen, wenn bereits alle Großeltern in Hamburg lebten und somit beide Elternteile gebürtige Hamburger sind.

Hanseaten blicken auf Vorfahren zurück, die seit Jahrhunderten geborene Hamburger sind und sich ehrbar für ihr Hamburg einsetzten.

Leider bringe ich es nur zum „gebürtigen Hamburger“, obwohl meine Mutter sogar geborene Hamburgerin war, da mein Vater bloß ein Quiddje war.

Ein Fremder wie Alexander Smoltczyk (* 1958 in Berlin) weiß diese Dinge nicht so genau und so ist es wohl zu erklären, daß ihm eine derart misslungene Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL unterlief.

Hauptstadt Hamburg. Einschlag ins Kontor
G-20-Gipfel, Olympia-Debakel, Schifffahrtskrise, aber zum Trost die über allem strahlende Elbphilharmonie: wie Hamburg voller Stolz mit seiner neuen Rolle im Mittelpunkt fremdelt. […..]
(Alexander Smoltczyk, 17.06.2017)

Ich ahnte gar nicht wie hanseatisch ich denke bis ich diese unsinnige SPIEGEL-Titelgeschichte las. Nun wird mir aber klar, daß man wohl erst mit Jahrzehntelanger Erfahrung versteht was eigentlich Hamburg ausmacht.
Nicht jedenfalls das, was Smoltczyk sieht.

[…..] „Hamburg schaut verzückt auf die Spiegelfläche der Elbphilharmonie und entdeckt sich als Kulturstadt“, heißt es da. Worin nun aber, außer Elphi und G20-Gipfel, das „neue Hamburg“ bestünde, wird nicht so ganz klar. Der Stadt wird „eine stille Sehnsucht, groß rauszukommen“ attestiert. Der Feinstaub aus den Schiffsdieseln wird moniert und der neue Handelskammer-Chef gefeiert.
Die „Rote Flora“ wird als „Kirche des Antikapitalismus“ gepriesen, die Schanze als Zentrum einer „hippiesken Anarchie“ bewundert. Heinz Strunk, der kürzlich ein recht teures Restaurant vor Ort eröffnete, erklärt, dass es in der Schanze gar keine Gentrifizierung gebe („Schaut euch mal die ganzen Penner hier an!“). [….]

Eine bizarre Themenauswahl, um Hamburg zu charakterisieren.

Quiddjes befragen Quiddjes. Der Berliner Smoltczyk zitiert den Heilbronner Rainer Moritz vom Literaturhaus und den Langquaider (zwischen Regensburg und Landshut) Tobias Bergmann von der Handelskammer.
Ein Schwabe und ein Bayer erklären wie Hamburger denken?

[….] Ham­burg schaut ver­zückt auf die Spie­gel­flä­che der Elb­phil­har­mo­nie und ent­deckt sich als Kul­tur­stadt. Rai­ner Mo­ritz, der Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses, hat da so sei­ne Zwei­fel. Nicht nur, weil er ge­bür­ti­ger Schwa­be ist. „Ham­burg war dop­pelt ge­de­mü­tigt, durch die Kos­ten­ver­schlep­pung und durch die ab­ge­schmet­ter­te Olym­pia­be­wer­bung. Jetzt ist al­les ver­ges­sen, und man kann sich selbst fei­ern“, sagt Mo­ritz. „Denn die Stadt hat, bei al­ler gern zur Schau ge­stell­ten Zu­rück­hal­tung, eine stil­le Sehn­sucht, ganz groß raus­zu­kom­men.“

Ob die El­phi-Be­geis­te­rung Wel­len zieht und sich auf an­de­re Kul­tur­be­rei­che aus­wirkt, das wer­de man ab­war­ten müs­sen: „Die Elb­phil­har­mo­nie ist bis­her eine At­trak­ti­on des Or­tes. Und Ham­burg ist nicht über Nacht zu ei­ner Stadt der Mu­sik­con­nais­seu­re ge­wor­den, die jahr­zehn­te­lang un­ter­drückt wor­den sind.“ [……]
(DER SPIEGEL, 17.06.2017)


Nein, Herr Moritz, Hamburger kompensieren keine Minderwertigkeitskomplexe, weil sie eben nicht wie Dresden, Detroit oder Berlin vergangenem Ganz hinterhertrauern und/oder zeitweilig unter Bedeutungsverlust leiden.
Hamburg war nie Residenzstadt, wir sind die größte Stadt Europas, die nie Hauptstadt war. Hier regierte nie ein Fürst oder König.

Für Hamburger ist es Teil der Identität sich nicht auf andere zu verlassen und selbst zu machen.
So wurden wir sehr reich und erfolgreich.

Die Kostenverschleppung bei der Elbphilharmonie konnte daher auch niemand demütigen. Sie war ärgerlich und lächerlich. Es gab auch einen Schuldigen, nämlich den unfähigen Beust-Senat.
Schon gar nicht wurden wir durch die gescheiterte Olympiabewerbung gedemütigt, sondern ganz im Gegenteil. Wir waren mehrheitlich sehr erfreut durch das Votum wider die Olympischen Spiele.
Die Spiele in Hamburg abzuhalten war eine Idee von außen, die geborenen und gebürtigen Hamburgern eben nicht behagte.

Man muß wohl auch aus dem kleinen Heilbronn kommen, um „eine stille Sehnsucht groß rauszukommen“ in die Hamburger zu projizieren.
Das wollen wir gerade NICHT. Das ist der Kern des Hanseatischen Understatements, daß wir nicht anderen sagen wollen wo es lang geht, daß wir uns nicht überhöhen.
Und seit wann wurde die Musik in Hamburg unterdrückt?
Es gibt große Orchester in Hamburg, eine stets ausverkaufte Laeiszhalle, die Hamburger Symphoniker, das NDR Sinfonieorchester und die vielen live-Bühnen in der Hamburger Pop/Rock/Punk/Alternative-Szene sind legendär.

Die Indie-Rock, Punk, Grunge, Pop-Diskurspop-Szene in Hamburg ist so fruchtbar und erfolgreich, daß sich der Begriff „Hamburger Schule“ eingebürgert hat.
Jochen Distelmeyer, Blumfeld, Kante, Tocotronic, Deichkind, Beginner, Fjarill, Ruben Cossani, Niels Frevert, Michel van Dyke, Sono, Selig, Schiller, Felix de Luxe, Michy Reincke, Sterne, Fettes Brot, …

Nein, hier wurde die Musik nicht Jahrzehntelang unterdrückt.