Dienstag, 6. August 2013

Weinen mit Robert


Das ist einer der von mir immer wieder beklagten Presse-Missstände.
Alle Kirchenthemen werden von frommen Gläubigen behandelt.
Dafür hat Springer Badde und Englisch, der Tagesspiegel die unvermeidliche Claudia Keller, die Zeit Frau Finger und die SZ eben Matthias Drobinski.
(Matthias Matussek vom SPIEGEL lasse ich in dieser Aufzählung mal außen vor, weil er erstens absolut nicht zurechnungsfähig ist und zweitens wenigstens nicht der einzige Kirchenfuzzi der Hamburger ist)
Man stelle sich vor über die CDU würden nur noch CDU-Mitglieder schreiben. Oder nur noch Soldaten über die Bundeswehr. 

Geht es um die Grundfrage des Christentums in Deutschland – was geht da eigentlich so sagenhaft schief, daß jedes Jahr Hunderttausende aus der Religionsgemeinschaft flüchten, während aus anderen Kontinenten ein reger Zulauf herrscht – wird es bei den großen Zeitungen ganz gediegen.

Im SPIEGEL vom 22.07.13 gab es ein komplett erkenntnisfreies Interview mit Margot Käßmann. Interviewer waren Rene Pfister und der neben Matussek zweite erzkonservative APIEGEL-Autor Jan Fleischhauer („Der Schwarze Kanal“), der Sätze wie
 „Sünde bedeutet für mich Gottesferne. Es ist also Sünde, wenn ich glaube, Gott nicht länger zu brauchen und stattdessen der Meinung bin, ich verdanke alles mir selbst“
 aus der schlimmsten Phrasendrescherin neben Angela Merkel rauskitzelte.
Was muß der arme Rudolf Augstein für einen fürchterlichen Drehwurm haben.

In der SZ, die als Bayerische Zeitung eher dem Katholizismus zugeneigt ist, interviewt der fromme Katholik Matthias Drobinski folgerichtig von Zeit zu Zeit den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch.
Auch hier ist man sich gegenseitig zugeneigt. Niemals würde ein nicht erwartbarer Satz fallen.
Zu Weihnachten 2010 klang das beispielsweise so:
SZ: Hat Sie das Ausmaß des Missbrauchs, die Tiefe der Krise überrascht?
Zollitsch: Wir wussten, dass es auch in der Kirche Gewalt gegen Kinder gibt. Aber das Ausmaß hat mich erschüttert, ebenso das Ausmaß sexualisierter Gewalt insgesamt in der Gesellschaft. Das wird uns noch lange beschäftigen.
SZ: Die Krise ist also nicht vorbei?
Zollitsch: Nein. Es ist einiges geschehen, wir haben einen Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, wir haben unsere Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt verbessert, wir arbeiten die Vergangenheit auf, wir wollen den Opfern helfen. […]
SZ: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller warf in diesen Wochen den Medien vor, sie betrieben eine Kampagne gegen die katholische Kirche. Waren die Journalisten fair?
Zollitsch: Die Medien haben zu Recht auf Aufklärung, Aufarbeitung gedrängt, manchmal gab es aber eine sehr einseitige und journalistisch alles andere als überzeugende Berichterstattung. Das tut vielen in der Kirche weh - auch mir. Für mich war das mein schwerstes Jahr als Erzbischof und als Vorsitzender der Bischofskonferenz.   [….]
SZ: Der Psychologe und Theologe Manfred Lütz hat von einem kollektiven Vaterproblem gesprochen: Weil die Kirche eine der letzten Autoritäten ist, die Ansprüche stellt und Grenzen verlangt, wird sie besonders angegriffen.
Zollitsch: Da ist was dran. Man kritisiert die Kirche und entlastet sich selbst.
SZ: Kann das nicht auch daran liegen, dass die Kirche sprachlos geworden ist? Dass sie den Leuten nicht mehr erklären kann, warum sie so denkt und lehrt?
Zollitsch: Das will ich nicht leugnen, auch nicht, dass das Thema Sexualmoral das schwierigste ist. Aber viele Menschen empfinden Unbehagen über die Sexualisierung ihrer Lebenswelt. Da haben wir auch die Aufgabe, prophetisch zu wirken. Sex ist kein billiges Genussmittel, sondern soll Ausdruck von Liebe sein.
[….]
SZ: Auch das gehörte zum Elend dieses Jahres: Was Sie außerhalb des Missbrauchsskandals gesagt haben, verhallte nahezu ungehört.
Zollitsch: Das ist unser Dilemma. Es gibt aber noch andere Themen als die
sexuelle Gewalt.

Nicht schlecht. Da ist in dem Jahr 2010 endlich einer größeren Öffentlichkeit bewußt geworden, daß katholische Geistliche mit Wissen der Bischöfe seit Jahrzehnten kleine Jungs missbrauchen und verprügeln und der oberste Verantwortliche in Deutschland, Erzbischof Zollitisch, bekommt im Weihnachtsinterview Gelegenheit sich selbst zu bedauern.
Ihm „tut es weh.“
 Was für ein Zynismus – angesichts der seelischen und körperlichen Schmerzen, die Myriaden Kinder unter der Kirchenknute zu erleiden hatten, ohne daß sich ein einziger Bischof bemüßigt fühlte einzuschreiten.

Zweieinhalb Jahre später hat die katholische Kirche die Aufklärungsarbeit endgültig blockiert. Der Bischof, der von allen 27 deutschen Diözesen mit Abstand am hartnäckigsten verhinderte, daß den Opfern der sexuell übergriffigen Pfaffen Gerechtigkeit widerfuhr und stattdessen seine Kritiker mit Lügen überzog, für die er einen Prozess verlor – Bischof Müller aus Regensburg – wurde zum obersten Glaubenshüter der Weltkirche ernannt. 
Die von der Bischofskonferenz beauftragte Missbrauchsstudie von Prof. Pfeiffer wurde gestoppt, Transparenz will Zollitisch nicht mehr. 
Der vom Erzbischof so hochgelobte Papst Benedikt ist in einem Skandalsumpf aus Korruption, Mafiageschäften und schwulen Seilschaften untergegangen.
Unterdessen treten weiterhin Hunderttausende jedes Jahr aus.

Wieder einmal Zeit für den frommen Drobinski den selbstmitleidigen Robert Zollitsch zu interviewen. Wieder bedauert der Frager den Befragten und gibt ihm Gelegenheit sich selbst zu bemitleiden.
Das soll Journalismus sein?
SZ: Sie werden nun 75 Jahre alt - viele sind da schon lange in Pension. Sind Sie neidisch oder sagen Sie: Gott sei Dank ist mein Leben nicht langweilig?
Robert Zollitsch: Langweilig ist es jedenfalls nicht. Aber ich merke, dass ich älter geworden bin. Die letzten zehn Jahre haben mich gefordert, als Erzbischof und Vorsitzender der Bischofskonferenz.[…]
SZ: Vor allem die Jahre als Bischofskonferenzvorsitzender dürften Sie Nerven gekostet haben. 2008 wurden Sie gewählt, 2009 kam die Debatte über die Piusbrüder, 2010 wurden die vielen Missbrauchsfälle offenbar. Vier Jahre negative Schlagzeilen - wann hatten Sie die Nase voll?
RZ: Manchmal habe ich schon gestöhnt und gedacht: Was kommt denn jetzt noch? Aber als Priester suche ich ja auch nicht einfach eine Karriere, bei der ich toll dastehe, sondern gehe davon aus, dass Gott mich in eine Zeit und eine Situation hineinstellt - und ich soll was draus machen. Das habe ich versucht. Jammern hilft nichts.   […] Als ich ein Kind war, mussten wir die Heimat im damaligen Königreich Jugoslawien verlassen, mein Bruder wurde erschossen. Seitdem habe ich die Haltung: Es hat keinen Sinn, mit etwas zu hadern, was nicht zu ändern ist, sich in Leid oder Hass zu vergraben. Und so ignoriere ich nicht, was es an Krisen und Negativem gibt. Ich frage mich aber, wie man damit umgehen kann. Und ich will auch das Gute sehen, das, was da wächst.
SZ: Was wächst in der Kirche? Wir Journalisten schreiben eher übers Schrumpfen. Zum Beispiel darüber, dass im vergangenen Jahr 118000 Katholiken aus der Kirche ausgetreten sind.
RZ: Das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter. Aber es gibt auch eine andere Wirklichkeit der katholischen Kirche. Sie ist und bleibt die größte gesellschaftlich engagierte Gruppe des Landes. Ich erlebe in den Gemeinden so viele Menschen, die mitdenken, mitmachen, mitfeiern, dass mir um die Zukunft der Kirche nicht bange ist. […]
SZ: In Rom wohnt Franziskus im Gästehaus und lässt sich in einem gebrauchten Ford Focus fahren. Welche Auswirkungen hat das auf Sie und Ihre Amtsbrüder?
RZ: Für mich war ein Auto nie ein Statussymbol, sondern ein Arbeitsplatz. Aber dass wir schauen müssen, dass wir einen Lebensstil pflegen, der mit unserem Amt übereinstimmt, ist klar. Ein Bischof darf nicht protzen.   […]
SZ: Wie werden diese Gemeinden in der Zukunft aussehen?
RZ: Wir werden weniger werden, allein schon von der demografischen Entwicklung her.
(SZ vom 06.08.2013, Interview Matthias Drobinski)

Jetzt bin ich so viel schlauer.
Was hat Zollitsch für Steilvorlagen geliefert, um mal richtig harte Nachfragen zu platzieren (Ein Bischof darf nicht protzen...TVE??), aber der fromme Drobinski ist eben linientreu.